Das Ende einer Stadt

Erzählung von
Bejan Enukidze

In Misanthropa herrschte dauernde Unruhe... Es gab keine Ordnung in den Familien, Kneipen, Arbeitsplätzen, allgemeinen menschlichen Beziehungen. Man nannte viele Gründe dafür, aber niemand glaubte an die Prophetie eines Misanthropaners: "Unsere Stadt wird Opfer des Horoskops." In diesem Jahr haben die Astrologen ein neues Horoskop gestellt, in dem es schwarz auf weiß stand, daß die Menschen auf keinen Fall an die Prophetie glauben dürften. Es stand da auch, daß neugeborene Kinder bestimmt behindert sein würden... Die letzte Nachricht brachte einen kolossalen Rückgang der Geburtenzahlen, es wurde kein Risiko eingegangen. Monate danach kamen wieder keine guten Meldungen aus dem Horoskop. Man hatte ein neues Horoskop für drei Jahre gestellt - und die Stadt geriet in Panik. Die Bevölkerung stürzte zu den Medien:
"Die Heirat zwischen Löwe und Krebs wird nur drei Tage andauern...', 'Schütze und Skorpion werden niemals miteinander glücklich sein...", "In der Hochzeitsnacht von Jungfrau und Fisch wird einer sterben..."
Die Heiratsanträge gingen auch ziemlich zurück.
Die Misanthropaner warteten ungeduldig auf das Erscheinen der neuen Nachrichten: "Am Montag dürfen Stiere nicht draußen spazierengehen..", "Am Dienstag ist das Unfallrisiko für Waagen besonders hoch...", "Mittwochs werden Zwillinge angegriffen..." Misanthropa glich fast einer Geisterstadt. Es wurde auch geweissagt, daß ein frisch gewähltes Parlament bald Hunger und Not über die Stadt bringen werde...Die Bevölkerung der Stadt griff das Parlamentsgebäude an, die Schlacht tobte zwei Tage lang, es gab viele Opfer. In der Tagesordnung stand eine offene Frage: Sein oder nicht sein? Die Misanthropaner suchten immer noch Rettung in den Horoskopen. "Der Fehler liegt in unseren mangelnden Horoskopkenntnissen", sagten sie und versuchten, der Zukunft mit besseren Kenntnissen zu begegnen. In den Schulen ließ man Astrologie lehren. Das nächste Jahr brachte auch keine Wende. "Die Lebensmittel in den Supermärkten werden tödlich vergiftet sein", war deutlich zu lesen. Wer würde noch in Geschäften einkaufen?... In der Stadt brachen Hunger und eine Cholera-Epidemie aus. Viele wurden hingerafft... Aber die größte Prüfung stand noch bevor: In der Silvesternacht sollte die Bevölkerung der Stadt um die Hälfte weniger werden, so meldete ein frischerstelltes Horoskop. Doch es begann ein bißchen früher; viele konnten nicht so lang auf ihren Tod warten und starben im voraus. Es wurden unzählige Fälle von Herzattacken gemeldet. In Misanthropa wurden drei Tage Trauer angeordnet. Etwas später wurde abends im staatlichen Fernsehen berichtet: "Das Horoskopzentrum hat uns mitgeteilt, daß es in einem Monat so weit sei: In Misanthropa ist ein großes Erdbeben zu erwarten; unsere schöne Stadt wird völlig vernichtet." Die Einwohner fingen an, die Stadt zu verlassen. Selbstverständlich hatten alle das erwartet...
Nach einem Monat lebte kein einziger Mensch in Misanthropa, die Stadt lag vöilig ausgestorben...
In den Horoskopen wurde nie mehr ein Wort über Misanthropa verloren.



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